Horror aus Deutschland, die Cold Creeps-Reihe
Wer an Horrorliteratur denkt, denkt dabei selten an Deutschland. Größen wie Stephen King, Mary Shelley, Shirley Jackson, Jack Ketchum, Dan Simmons, haben das Genre geprägt und Millionen Leser:innen kennen ihre Namen. Im deutschsprachigen Raum hingegen, fristet Horror oft ein Schattendasein neben Krimis, Thrillern, Fantasy und natürlich den neueren Hype-Genres: Romantasy, Dark-Romance und New Adult.
Horror ist seit Jahrzehnten präsent, aber bekommt nur selten die Aufmerksamkeit, die ihm eigentlich gebührt, denn er hat vielseitige Möglichkeiten und Chancen, sich mit Fragen zu beschäftigen, die weit essenzieller sind als … na ja, wir wollen jetzt nicht gemein werden, oder?
Natürlich ist die Ansicht, dass Horror kaum vertreten ist, Blödsinn. Es gibt eine lebendige Szene aus Autor:innen, Kleinverlagen und Blogger:innen, die die Fahnen für das Genre hochhalten – und das mit Hingabe. Ebenso gibt es eine treue Leserschaft.
Dennoch hat Deutschland bis heute keine Figur hervorgebracht, die den Stellenwert eines Stephen King erreicht. Woran das liegt, ist unklar, aber vielleicht beginnt sich das Bild ja gerade ein bisschen zu verändern, denn immer mehr Horrorgeschichten erscheinen auf dem Markt. Neue Verlage, neue Reihen, und Anthologien entstehen und bringen so auch dem Genre mehr Sichtbarkeit. Viele von ihnen zeigen, wie abwechslungsreich moderner Horror aus Deutschland sein kann und dass er eine echte Option ist. Statt bloßer Schockeffekte rücken Atmosphäre, psychologischer Schrecken und alltägliche Ängste in den Mittelpunkt. Das Grauen versteckt sich nicht länger ausschließlich in verlassenen Herrenhäusern oder den Wäldern Neuenglands. Es findet seinen Platz ebenso in deutschen Landschaften, vertrauten Orten und Geschichten, die erschreckend nah an der eigenen Wirklichkeit liegen.
Genau jetzt, an dieser Stelle, wird die Cold Creeps-Reihe interessant. Sie ist weit mehr als eine Sammlung eigenständiger Horrorgeschichten. Sie vereint unterschiedliche Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum, verschiedene Erzählstimmen und zahlreiche Facetten des Genres unter einem gemeinsamen Dach. Dadurch entsteht nicht nur eine Anthologie des Schreckens, sondern zugleich ein kleines Panorama dessen, was deutschsprachiger Horror heute sein kann.
Dazu habe ich mich mit Mara Schwarzfels, der Herausgeberin der Reihe, die gerade noch einmal frisch bei Yellow King Productions erscheint, nachdem der vorherige Verlag „Dark Empire“ leider die Pforten geschlossen hat, zusammengesetzt, um diesen Artikel zu schreiben. Die Cold Creeps waren ihre Idee, und so übergebe ich das Wort an Mara.
Mara Schwarzfels
Als die Cold Creeps in mein Leben krochen, waren sie nicht mehr als ein Gedankenfragment – heute sind es zwölf geplante Novellen. Eine Bühne für neue Horrorstimmen, eine Einladung an Leser:innen, die Horror abseits des Mainstreams lieben.
Der erste Satz leitet mein Vorwort für die Cold Creeps-Bände ein. Er erzählt davon, wie alle großen Ideen zunächst im Kleinen entstehen und mit der Zeit zu etwas heranwachsen, das Hand und Fuß, oder besser gesagt: Buchdeckel und Seiten hat.
Doch allein wollte ich diesen Pfad nicht beschreiten. Von Anfang an war es mir wichtig, Raum für gute Horrorautor:innen zu bieten. Eine Bühne, auf der sie ihre eigene Stimme präsentieren und zeigen können, welche Schrecken ihrer Fantasie innewohnen. Und natürlich wollen wir mit der Reihe Leserinnen und Leser positiv überraschen, ihnen zeigen: Gänsehaut im Horror ist mehr als bloße Effekthascherei. Es ist die Kunst des düsteren Erzählens.
Zwischen Kurzgeschichte und Roman – und weitere Besonderheiten
Bei der Planung der Reihe kristallisierte sich früh heraus: Es soll weder eine Anthologie mit Kurzgeschichten werden noch eine reine Roman-Reihe. Besser wäre etwas dazwischen, also: Novellen. Jede davon eine eigene kleine Welt, in der Spannung und Atmosphäre ihr Zuhause haben.
Dabei folgen die Bände unterschiedlichen Subgenres des Horrors: von psychologischem über paranormalen und Natur- hin zu Monster- und Bodyhorror. Die Cold Creeps zeigen, wie facettenreich das Genre sein kann – und dass nicht jeder Horror mit Kettensäge und eimerweise Blut daherkommen muss, um als solcher wahrgenommen und genossen werden zu können. Manchmal wirkt das Unausgesprochene sogar weitaus bedrohlicher, das Unterschwellige sehr viel gefährlicher und intensiver. So öffnet sich Band für Band eine neue Tür und nimmt die Leser:innen mit in einen neuen Albtraum:
Bei Die Rückstrahlung von Jules B. Asches begleiten wir die Protagonistin Mara auf der Suche nach ihrem verschollenen Vater und Antworten auf das Swartzhorn. Jenem Berg, der nach ihr zu rufen scheint und sie immer mehr in ein Netz aus Erinnerungen und düsteren Vorahnungen verstrickt.
Michael Schwendinger präsentiert mit Seelenweiß die tragische Familiengeschichte von Lena, die mit ihrer Tochter Jule in das Haus der verstorbenen Großmutter ziehen möchte. Es soll ein Neuanfang sein, doch der verläuft anders als erwartet. Denn als Schatten ihre Hände nach Jule ausstrecken, beginnt für Lena ein Wettlauf gegen die Zeit.
In Wen die Nacht verschlingt von Marie Meier bekommen wir einen dystopischen Naturhorror serviert, der uns gemeinsam mit Imke und Noah ins Helstorfer Moor führt und in dem niemand mehr sicher ist, sobald es dunkel wird.
Snuff von Marlene Emmert ist der vierte Band der Reihe. Hier begleiten wir Mike, der sich, getrieben von familiären Problemen, ins Darknet flüchtet und sich in einer dunklen Faszination verliert. Doch als er auf ein grausames Video stößt, schleicht sich etwas in sein Leben, das nach blutigen Konsequenzen trachtet.
Die Cold Creeps sind perfekt für dich, wenn du …
· … Horror magst, der unter die Haut geht – und im Kopf bleibt.
· … Novellen längeren Büchern vorziehst.
· … neue, deutschsprachige Autor:innen des Genres entdecken möchtest.
· … den Horror neu erfahren willst.
· … nicht vom Sucht- und Sammelfaktor zurückschreckst. 😉
Die Creeps wachsen
Zum aktuellen Zeitpunkt sind vier von zwölf Bänden erschienen. Ab September soll es mit Band 5 NAPS – Not another Pandemic Story weitergehen, der aus der Feder von Ari Geiling stammt und die Leser:innen in eine Pandemie der anderen Art entführt.
Auch Stephan darf euch bereits einen kleinen Sneak Peek in seine Novelle geben, die mich durch ihren spannenden Erzählstil und Lovecraft-Vibes überzeugt hat und sich bald ebenfalls als gehaltvolles Werk in die Cold Creeps-Reihe einfügen wird.
Danke liebe Mara. Also wieder zurück zu … Mir.
An dieser Stelle vielen Dank, für deine Unterstützung und den Einblick in die Hintergründe dieser Reihe. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich die Ausschreibung damals gefunden habe und instinktiv wusste, das passt zu mir als Autor. Eine Reihe, die sich mit Horror beschäftigt, ohne die klassischen, blutrünstigen Monster unter dem Bett hervorzuholen, und dann auch noch in einer Erzählung und nicht nur als Kurzgeschichte. Es war ideal.
Ich hatte sogar schon die passende Geschichte geschrieben. Zum Glück, muss ich fast sagen, denn ich fand die Ausschreibung nur wenige Tage vor Ablauf der Frist und auch noch während eines Urlaubs in den USA, ohne meinen Laptop. Ich hatte nur mein Tablett dabei. Jetzt musste es schnell gehen. Ohne länger darüber nachzudenken, reichte ich sie einfach ein und überzeugte Mara damit. Ich bin nun selbst ein Teil der Cold Creeps-Reihe und freue mich schon, wenn meine Schauernovelle das Licht der Welt erblickt, oder besser gesagt, wenn das Blut … äh die Tinte auf dem Papier trocken ist.
Yogthoth – das verfluchte Buch.
Im Zentrum steht Nikolai, seines Zeichens Antiquar, der der Bitte eines alten Freundes nachkommt, in ein verschlafenes Dörfchen inmitten der Normandie, zu ihm zu kommen. Dort wurde ein altes Buch gefunden und Nikolai soll helfen, herauszufinden, was es damit auf sich hat. Doch er ahnt nicht, was es für Konsequenzen nach sich ziehen wird und wie dünn der Faden bereits ist, an dem sein Leben hängt.
Yogthoth entstand als kurzer Einschub zwischen zwei Romanen und sollte eigentlich nur ein Spaßprojekt für mich werden. Ein Versuch, mich an eine neue Perspektive zu wagen, und gleichzeitig auch eine Hommage an die Altmeister des Horrors. So lässt der Titel bereits nicht grundlos die Nähe zu H. P. Lovecraft vermuten. Auch wenn ich die gesellschaftlichen Ansichten des Autors seiner Zeit nicht teile und seinen subtilen Rassismus in den Texten verurteile, so bewundere ich doch die Visionen seiner Texte, die Querverweise und das große Ganze, das sich daraus ergibt.
Bis Yogthoth erscheint, habt ihr noch die Möglichkeit, einige andere Autor:innen kennenzulernen und in die vielfältige Welt des Horrors einzutauchen. Mara hat es auf den Punkt gebracht, als sie schrieb: Die Cold Creeps sind mehr als nur eine Reihe, jede neue Novelle bietet besondere Orte und Geschichten, die unter die Haut gehen und mehr als nur einen Schauer hinterlassen.
Vielleicht erlebt der deutsche Horror dadurch eine kleine Renaissance, getragen von Autor:innen, die dem Genre neue Impulse geben.
Mich würde es freuen. In diesem Sinne: Lasst euch nicht stressen,
Stephan T. Roth